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Aktuelle Mitteilungen
2018NS SpurensucheHP
Das P-Seminar „NS-Spurensuche“ unter der Leitung von Yvonne Löken und Elmar Weber hat sich zur Aufgabe gemacht, sich auf die Suche nach sichtbaren und unsichtbaren Spuren der NS-Herrschaft in Landshut zu machen.

Stadtführung durch das Landshut der NS – Zeit

Mit Hilfe von Herrn Franz Gervasonis kundiger Führung erfuhren die Schüler gleich zu Beginn einer Stadtführung, dass zum Beispiel in den zwanziger Jahren der damals in Landshut ansässige Apotheker Gregor Strasser beim Aufbau der SA eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Diese Schlägertruppe schüchterte über Jahre hinweg Bürger mit roher Gewalt ein, so auch in Landshut. Ein besonders grausamer Höhepunkt fand in der Reichspogromnacht 1938 statt, bei der ansässige jüdische Mitbürger bedroht, gewaltvoll angegriffen und verhaftet wurden. Auf die Stolpersteine in der Theaterstraße aufmerksam gemacht, lernten die Schüler Auszüge aus den Biographien der jüdischen Bürger kennen, die in Landshut gelebt haben, deren Wege ins Exil, aber leider auch in einen grauenvollen Tod führten. Eine weitere Station war das Wohnhaus der Familie Himmler, wobei man hörte, dass der Vater, Gebhard Himmler, am damaligen humanistischen Gymnasium (heutige HCG) Lehrer und sein Sohn Heinrich Himmler Schüler war. Heinrich Himmler, der spätere Führer der SS, wohnte in den 1920er Jahren zeitweise wieder in Landshut, da er die Parteistrukturen in Niederbayern mit aufbaute.
Eine weitere Station war dann, ganz in der Nähe, der Dreifaltigkeitsplatz. So schön seine heutige Gestaltung auch sein mag, ruft das Denkmal Herzog Ludwig des Reichen, so wie es präsentiert wird, Verwunderung hervor.War er doch derjenige, der als Schutzherr der damals dort im mittelalterlichen Ghetto lebenden Juden nicht schützte, sondern im Gegenteil, sie 1450 grausam vertrieb und auf dem Platz der niedergerissenen Synagoge eine Kirche erbauen ließ. Zudem gehört zu der Geschichte des Platzes, dass auch etliche Aufmärsche von NS-Organisationen während des Dritten Reiches dort stattfanden. Zu dieser Zeit hieß er „Adolf-Hitler-Platz“.
Unter amerikanischer Besatzungszeit wurde er für eine kurze Zeit Franz-Seiff-Platz genannt. An Franz Seiff, der sein Leben im aktiven Widerstand in den allerletzten Kriegstagen tragischerweise verlor, erinnert heute eine Tafel an dem Gebäude der Deutschen Rentenversicherungsanstalt gegenüber dem Einkaufszentrum CCL und die Franz-Seiff-Straße. Franz Seiff wurde Opfer der sog. „Endphasenverbrechen“, bei dem fanatische Nazis, oftmals ohne juristische Grundlage, Selbstjustiz verübten.
Insgesamt kann man zu dem Schluss kommen, dass den heutigen Besuchern Landshuts das Bild einer wunderschönen Stadt mit historischem Kern gezeigt wird, was aber nur eine Seite der Wahrheit ist.
Betroffenheit riefen Fotos von auf öffentlichen Wänden geschmierten Hakenkreuzsymbolen und Hetzsprüchen hervor, die vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen wurden. Es stellt sich daher die Frage, warum auch heute noch Menschen gesinnungspolitisch von etwas überzeugt werden sollen, was zutiefst antidemokratisch ist. Umso wichtiger, so das Fazit aller, ist es, die Mechanismen der damaligen NS-Herrschaft, auch in der Stadt, in der man lebt, zu erkennen, damit sich Geschichte, auch wenn sie unter anderen Vorzeichen steht, nicht wiederholt.

Vortrag über Franz Seiff von Moritz Fischer am HCG
Auf Einladung der Kursleiter des P-Seminars erhielten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, mehr über das Leben und Wirken von Franz Seiff zu hören. Denn die Gedenktafel zu Franz Seiff, die sie auf ihrer Stadtführung gesehen hatten, reichte ihnen nicht aus, um die Hintergründe für seinen Tod zu verstehen. Den Vortrag hielt Moritz Fischer, ehemals Abiturient am HCG und jetzt Student für den Masterstudiengang Geschichte an der LMU. Vor vier Jahren hatte dieser sich intensiv und äußerst gründlich in die zeitliche Situation und Umstände in Landshut kurz vor Kriegsende eingearbeitet und seine Forschungsergebnisse in einem sehr spannend zu hörenden Vortrag verpackt, der unter anderem zeigte, dass der Tod von Franz Seiff ein äußerst tragischer und sinnloser war. Am Ende des Vortrages kam die Diskussion auf, wie man aktiven Widerstand für diese Zeit des Dritten Reiches definiert: Man muss zum einen eine Risikobereitschaft gehabt haben, für die Sache, für die man eintritt, mit seinem Leben zu bezahlen und zum anderen das bestehende diktatorische System in ein anderes, menschengerechteres System führen wollen. Dies trifft auf die FAB (Freiheitsaktion Bayern) zu, die gegen Kriegsende die NS- Herrschaft beenden wollte, um eine demokratische Herrschaft aufzubauen. Im Gegensatz dazu sind z.B. gezeigte Zivilcourage oder Sabotage als Resistenz einzuordnen. So wie es in diesem Fall möglicherweise einzuordnen ist, als Juristen sich krankmeldeten und Franz Seiff deswegen nicht vor Gericht angeklagt werden konnte. Dass der damalige Gauleiter Ruckdaeschel deshalb dann Selbstjustiz verübte, zeigt auf, dass es selbst in den letzten Kriegstagen noch genügend Fanatiker gab, die kaltblütig für das sich auflösende und zum Teil schon aufgelöste NS- Reich mordeten und morden ließen. Eine weitere Frage war im Anschluss daran, was mit den Tätern nach 1945 passierte. Und nach wie vor kommt Empörung auf, wenn man hört, dass Ruckdaeschel vorzeitig aus der Haft entlassen und bei VW Gästeführer wurde. Eine Eingliederung in die Nachkriegsgesellschaft; so geschehen bei vielen Tätern aus der NS-Zeit, die trotz ihrer Verbrechen einer gerechten Strafe entkommen konnten. Mit diesen Themen und noch weiteren auf ihrer Spurensuche in Landshut wird sich das P-Seminar in einer im Frühjahr geplanten Theater-Performance auseinandersetzen.
Yvonne Löken